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SDK: Umfrage des Handelsblattes zur PKV - machen Sie mit!

11.04.2016 16:58

Die SDK informiert:

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei uns in Baden-Württemberg ist es ja so, dass man zuerst die Arbeit macht und sich danach vielleicht mal ein „gutes Viertele“ (für Nichtschwaben: ein Glas Rotwein) gönnt. Schaut man sich den aktuellen Artikel des Handelsblattes „Versicherte flüchten aus Privaten Krankenversicherung“ an, dann hat man allerdings den Eindruck, dass in der Redaktion vielleicht die Reihenfolge von Arbeit und Rotwein verwechselt wurde. Was schon mit einer falschen Überschrift beginnt, wird auch im Verlaufe des Artikels nicht deutlich besser. Zu den beiden wichtigsten Punkten eine kurze Einordnung:

  1. „Versicherte flüchten aus Privater Krankenversicherung“

    Laut dem Duden ist eine Flucht „das Ausweichen aus einer als unangenehm empfundenen […] Lebenssituation.“ Der Begriff der Flucht impliziert also ein aktives, gewolltes Handeln des Flüchtenden. Die Überschrift des Handelsblattes suggeriert dem Leser damit also, dass Privatversicherte aktiv und gewollt aus der Privaten Krankenversicherung fliehen. Ein schwerer Vorwurf, der gut überlegt und mit Fakten belegt sein sollte. Denn ansonsten muss man sich fragen lassen, ob man es mit der journalistischen Gründlichkeit wirklich so genau nimmt oder ob man nur Schlagzeilen und Klicks auf der Homepage produzieren möchte. Und wenn ja, dann ist eine seriöse Zeitung wie das Handelsblatt vielleicht einfach der falsche Arbeitsplatz.

    Was steckt also wirklich dahinter? Richtig ist, dass die Private Krankenversicherung im Jahre 2015 insgesamt 47.100 Versicherte verloren hat. Bei einem Gesamtbestand von 8,79 Millionen ist das ungefähr ein halbes Prozent. Also nicht so dramatisch, wie sich die Zahl 47.100 zunächst anhört. Aber sind diese Kunden wirklich Hals über Kopf aus der PKV geflohen, wie das Handelsblatt in seiner Überschrift behauptet? Nein, die Lösung ist ganz anders, wie das Handelsblatt selber auch im Text zugibt: Aufgrund der sehr guten Wirtschaftslage in Deutschland wechseln viele Menschen, die sich in der Wirtschaftskrise selbständig gemacht haben, nun in ein festes, sozialversicherungspflichtiges Angestelltenverhältnis. Weil sie dort häufig unterhalb der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 56.250,- € verdienen, müssen (!) sie zurück in die gesetzliche Krankenversicherung. Ob sie wollen oder nicht – und häufig wollen sie eben nicht.

    Und wenn wir schon beim korrekten Einordnen sind: für die Höhe der Versicherungspflichtgrenze kann die PKV nun wirklich nichts. Am Rande sei daran erinnert, dass die Versicherungspflichtgrenze im Jahre 2003 von der Politik mit dem einzigen Ziel deutlich erhöht wurde, der PKV den Neuzugang zu kürzen. Von den jährlichen Erhöhungen einmal ganz zu schweigen. Und auch die Demographie ist ja nicht die Schuld der PKV: es ist nun wirklich kein Geheimnis, dass in Deutschland viele Ältere leben und zu wenig Junge nachkommen. Auch kein Geheimnis dürfte sein, dass man halt irgendwann einmal stirbt - häufig im hohen Alter. Und dass sich die Krankenversicherer in diesem gesellschaftlichen Szenario schwer tun, den todesfallbedingten Verlust ihrer Bestandskunden durch eine entsprechende Anzahl an Neukunden wieder auszugleichen, ist nachvollziehbar. Zumal dann, wenn das Kundenpotenzial durch die Politik noch künstlich klein gehalten wird (siehe Thema Versicherungspflichtgrenze). Das sollte auch ein Journalist wissen bzw. in der Lage sein, es zu recherchieren.

    Fazit: Die Überschrift des Handelsblattes ist nicht nur falsch, sondern auch populistisch und journalistisch schlampig. Mit etwas mehr Recherche und dem Gläschen Rotwein zum richtigen Zeitpunkt hätte die Überschrift lauten müssen: „Versicherte werden aus Privater Krankenversicherung vertrieben“. (è Duden: Vertreiben = zum Verlassen eines Ortes zwingen).

 

  1. „Wird der Tarif geschlossen für junge gesunde Versicherte, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer“

    Auch diese Aussage hört bei mangelhafter journalistischer Recherche (und vielleicht dem einen oder anderen falschen Glas zum falschen Zeitpunkt) sehr häufig. Trotzdem ist sie nicht richtig: die Aussage impliziert im Umkehrschluss, dass ein PKV-Tarif vom Neugeschäft abhängig ist, damit der Beitrag stabil bleiben kann. Wäre das so, dann wäre die PKV ein Schneeballsystem – und Schneeballsysteme sind in Deutschland verboten. Tatsächlich ist es so, dass ein Tarif, der vom Neugeschäft abgekoppelt wird, durchaus vergreist. Das Durchschnittsalter des Bestandes steigt, die absolute Anzahl der Versicherten sinkt. Da die Mischung aus guten und schlechten Risiken (also kranken und gesunden Versicherten) aber erhalten bleibt und zudem das Risiko des Älterwerdens durch die Alterungsrückstellung abgedeckt ist, bleibt der Beitrag konstant. Und zwar solange, bis der Bestand ausgestorben ist.

    Ein Problem entsteht lediglich dann, wenn im Bestand eine Antiselektion stattfindet. Das ist der Fall, wenn dem Bestand ausschließlich gute Risiken entzogen werden, so dass nur noch schlechte Risiken zurückbleiben. Grund für eine solche Antiselektion kann sein, dass ein Versicherer aufgrund falscher (zu billiger!) Kalkulation massive Beitragsanpassungen hat und dadurch die gesunden Versicherten („gute Risiken“) zum Mitbewerber wechseln. Das hat aber mit der Vergreisung und geschlossenen Tarifen nicht unbedingt etwas zu tun.

Das Handelsblatt macht in diesem Zusammenhang eine Umfrage, ob man die PKV abschaffen sollte oder nicht. Umfragen sind in Deutschland – auch wenn sie im Rahmen ausbaufähiger journalistischer Arbeit stattfinden – durchaus erlaubt. Die Teilnahme daran aber ebenso. Wenn Sie also nach der Lektüre dieser Zeilen das dringende Bedürfnis verspüren, sich zu positionieren, dann sollten Sie an der Umfrage teilnehmen.

Mit freundlichen Grüßen und einem herzhaften „PROST“,

Sören Hildinger

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